Die Goldfinger Factory ist nach einem James-Bond-Bösewicht benannt, arbeitet aber deutlich konstruktiver: Das Projekt belebt ein Londoner Stadtviertel mit nachhaltigem Design, darunter auch exklusive Möbel von Tom Dixon.

Der hoch in den grauen Himmel Londons ragende Trellick Tower ist ein klassisches Beispiel für die Betonarchitektur der 60er und 70er Jahre. Im Erdgeschoss des brutalistischen Gebäudes befinden sich mittlerweile jedoch einladende Räumlichkeiten: Die Goldfinger Factory, ein preisgekröntes Unternehmen, das Möbel neu aufarbeitet und restauriert. Ihre Türen stehen für Kunden und Anwohner offen – mit einem Café, einem Ausstellungsraum für die schönsten Stücke und für diverse Workshops.

„Wir haben uns ein konkretes Ziel gesetzt“, sagt Goldfinger-Factory-Gründer Oliver Waddington-Ball, während er am Gebäude hochschaut. „Wir wollen verhindern, dass Dinge auf der Mülldeponie landen – wir möchten Menschen ausbilden und schöne Dinge bauen.“

Außenansicht der Goldfinger Factory
Das einladende Schaufenster der Goldfinger Factory.

Oliver und seine Partnerin Marie Cudennec starteten Goldfinger vor zwei Jahren mit der Vision, Abfälle sprichwörtlich in Gold zu verwandeln. Der Name des Projekts ist an James Bonds Goldfinger angelehnt – den Schurken mit dem goldenen Händchen. Der Trellick Tower selbst wurde von dem Architekten Erno Goldfinger gebaut, der für seine schlechte Laune bekannt war und James-Bond-Erfindet Ian Fleming als Vorlage für die Figur seines Bösewichts diente.

Ein Ort mit Geschichte

Man kann das wenig einladende Gebäude lieben oder hassen – dennoch erzählt es eine einmalige Geschichte. Mittlerweile steht es unter Denkmalschutz, doch die Gegend zu seinen Füßen war einst verrufen und wurde gemieden. „Die Leute wechselten die Straßenseite, um hier nicht langgehen zu müssen“, erinnert sich Oliver. „Die Gemeinde hatte Schwierigkeiten, Mieter zu finden. Seitdem wir hier sind, fühlt es sich mehr wie Gemeinschaftsbesitz an. Das ist auch Teil unserer ‚Müll zu Gold‘-Philosophie.“

Im Ausstellungsraum stehen Sideboards im skandinavischen Stil neben bunten Kommoden, Retro-Keramik und Bilderrahmen aus Holzresten. Im Café nebenan versammeln sich Mütter, Kinder, Arbeiter und Rentner an den zusammengewürfelten Tischen und essen, was der Koch aus der Nachbarschaft zubereitet hat. Marie empfiehlt das Risotto. „Köstlich“, sagt sie in Richtung des Kochs. Die Gäste stimmen zu.

Designtisch in der Goldfinger Factory
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.
Regale in der Goldfinger Factory
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.
Taschen aus recyceltem Stoff
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.
Vase aus Muranoglas
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.
Regal mit Skandinavischen Glasvasen
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.
Glasvasen in der Goldfinger Factory
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.
Innendesign der Goldfinger Factory
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.
Recycelte Kerzenständer
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.
Möbel in der Goldfinger Factory
Zahlreiche Designobjekte warten im Showroom darauf, entdeckt zu werden.

Oliver führt uns in die Werkstätten im Keller. Hier können Kunsthandwerker aus der Gegend ihre eigenen Kreationen bauen. Gerade wird eine alte Glasvitrine in die Werkstatt geschleppt. Schon scharen sich Handwerker um das Möbelstück und beraten, was sie daraus machen könnten.

Exklusive Serie von Tom Dixon

„Wir nehmen keine Kommission, wenn wir etwas verkaufen“, erklärt Oliver. „Der gesamte Erlös geht direkt an die Künstler. An sie wenden wir uns auch zuerst, wenn die Factory Aufträge zu vergeben hat. Das gibt ihnen eine Plattform, von der sie ausgehen können und ihr eigenes Ding starten können. Wir hatten schon Leute hier, die später studiert und ihr eigenes Unternehmen gegründet haben. Wir sind wie ein Business-Inkubator.“

Goldfinger hat auch Künstler aus dem Viertel auf sich aufmerksam gemacht, darunter den berühmten Möbel-Designer Tom Dixon, der ein paar Häuser weiter sein Studio hat. Dixon hat eine Reihe für Goldfinger entworfen, die er „Trellick“ nennt. Sie umfasst schwarze Tische, Hocker und Bänke. Das übrig gebliebene Holz wurde für Bilderrahmen, Übertöpfe und anderes Zubehör verwendet – gemäß der „Zero Waste“-Philosophie.

Die Reihe kam im September 2016 auf den Markt und unterstützte eine Crowdfunding-Kampagne von Goldfinger, mit der Geld für zwei neue Standorte gesammelt wurde. „Wir verbinden traditionelles Tischlerhandwerk mit modernsten Fertigungsmethoden, so dass die Kollektion einen positiven ökologischen und gesellschaftlichen Einfluss bekommt. Gleichzeitig hat sie eine besondere Geschichte, weil jedes Stück von Künstlern aus unserer Community gemacht wird“, heißt es in einem Statement von Dixons Studio.

Die Crowdfunding-Kampagne war ein Erfolg. Oliver spricht stolz über das jüngste Projekt, die Future Factory, die ein paar Fußminuten von hier in Ladbroke Grove liegt. Dort können die Handwerker digitale Fertigungsmethoden erlernen und mit der werkstatteigenen CNC-Fräse arbeiten, die Bauteile computergestützt zuschneidet.

Marie kommt mit einer Kundin in den Keller, die die Werkstätten selbst sehen will. Ein Fotograf, der für Goldfinger die Werbetrommel rührt, hatte ihr von dem Projekt erzählt. Beeindruckt untersucht sie eine Ecke der Werkstatt, in der das Wort „pulchritude” (engl.: Schönheit) auf ein Holzschild gemalt ist.

„Es ist schön, ja“, stimmt Marie zu. „Abfall ist nur eine Ressource in den falschen Händen und ein  Konzept, das sich derzeit mit neuer Bedeutung füllt.“ Sie nickt Oliver zu, auf dessen Gesicht ein breites Lächeln liegt.

Team der Goldfinger Factory in der Fabrik
Goldfinger Factory: eine Teamleistung.