Auf einem öffentlichen Platz in Mesa im US-Bundesstaat Arizona kann nun jeder Musik machen – mit seinem eigenen Schatten. Verantwortlich für die Installation ist das Kunstkollektiv Daily Tous Les Jours aus Montréal, das mit gemeinsamen Erlebnissen die Anonymität des urbanen Raums auflösen will.

Wer über den Platz am Nordeingang des Arts Center von Mesa in Arizona läuft, könnte auf Passanten stoßen, die sich ziemlich merkwürdig verhalten: Sie rennen im Kreis, wedeln mit den Armen oder jagen ihren eigenen Schatten.

Denn der Platz wurde unlängst mit einem interaktiven Straßenpflaster ausgestattet, das auf die Schatten von Menschen reagiert und den Klang singender Stimmen erzeugt.

Inspiriert von der brennenden Sonne Arizonas hat das kanadische Künstlerkollektiv Daily Tous Les Jours ein weiteres Mal eine zunächst überraschende, aber unmittelbar faszinierende urbane Installation kreiert: mit Lichtsensoren, die Töne auslösen und über kleine Lautsprecher abspielen, sobald ein Schatten auf sie fällt.

Dabei erzeugen die in einem geometrischen Muster angeordneten blauen und rosafarbenen Betonfliesen unterschiedliche Stimmen und Klänge. Bei variierenden Schattenlängen – je nach Jahreszeit, Tageszeit und Wetter – kann so ein breites Klangspektrum entstehen.

Menschen stehen auf den singenden Kacheln in Mesa
Das interaktive Pflaster löst den Klang singender Stimmen aus.

Von der Sonne inspiriert

Auch die Klänge selbst ändern sich mit dem Sonnenstand, was für eine Dynamik im Laufe des Tages sorgt. Wenn die Besucher den Platz und die verschiedenen Klanglandschaften, die sie mit ihrem Schatten erzeugen, entdecken, werden sie Teil einer kollektiven Klang- und Körper-Performance.

„Dieses Projekt lädt zu Kommunikation und Kooperation zwischen einander unbekannten Menschen ein und bringt sie auf eine Weise zusammen, die sonst kaum möglich wäre“, erklärt Mouna Andraos, Mitgründerin von Daily Tous Les Jours.

Mit einer natürlichen Ressource wie Sonnenlicht zu arbeiten, kann eine Herausforderung sein. Die Schnittstelle des Projekts wurde so gestaltet, dass sie mit dem wechselnden Sonnenlicht spielt.

Das sorgt dafür, dass die Installation interessant bleibt und die Leute täglich aufs Neue mit ihr interagieren können. Verschiedene Klänge und Stimmungen wurden geschaffen, die im Laufe des Tages gespielt werden.

„Die Klänge am Morgen sind friedlich“, erklärt Andraos. „Mittags werden sie kürzer, rhythmischer und energetischer, zum Sonnenuntergang hin entstehen sich ergänzende, ineinander übergreifende Melodien und bei einsetzender Dunkelheit entsteht eine natürliche Landschaft mit nächtlichen, fließenden Tönen.“

Der Platz ist so gestaltet, dass er für Einzelpersonen genauso gut funktioniert wie für große Gruppen. „Durch verschiedene Arten der Interaktion kommt das Projekt erst richtig zur Geltung.“

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Die musikalischen Kacheln fördern Zusammenarbeit und Interaktion.

Einbeziehung der Öffentlichkeit

Ein Grund für den Erfolg der von Artplace America und der Stadt Mesa beauftragten Installation ist die Einbeziehung der Öffentlichkeit bereits in der Konzeptphase: Daily Tous Les Jours hat dafür zunächst Recherchen vor Ort durchgeführt, Ziele definiert und einen Prototyp eines öffentlichen Kunstwerks entwickelt, das am Nordeingang des Mesa Arts Center platziert werden sollte.

Um das Konzept zu entwickeln, wurden drei öffentliche Workshops durchgeführt und so Reaktionen, Ideen und Vorschläge gesammelt. An den Treffen nahmen rund 60 Anwohner und Architekturstudenten der Arizona State University teil. Die Installation des endgültigen Produkts wurde im März 2016 abgeschlossen.

Mit Klängen gestalten

Klang ist ein zentrales Thema in der Arbeit von Daily Tous Les Jours: Die „Musical Shadows“ von Mesa erinnern an ihr früheres Projekt 21 Swings  – einer öffentlichen Installation aus 21 Schaukeln, die jeweils ihre eigenen Noten abspielen konnten. Wenn sie von mehreren Passanten gleichzeitig benutzt wurden, erzeugten die Schaukeln so eine mehrstimmige musikalische Improvisation.

Als kollektives Instrument zeigte bereits die Installation der 21 Schaukeln, dass wir zusammen mehr erreichen können als allein. Das Projekt brachte Passanten aller Alters- und Gesellschaftsgruppen zusammen und schuf einen Platz zum Spielen und gegenseitigen Kennenlernen in der Innenstadt.

Indem es einen nicht genutzten öffentlichen Raum in Montréal aktivierte, wurde das Projekt zu einem Erfolg und fand in der ganzen Welt große Beachtung.

Durch diese öffentlichen Installationen will Daily Tous Les Jours erreichen, dass die Menschen ihre städtische Umgebung bewusster wahrnehmen. „Die Leute interessieren sich mehr für ihre urbane Umgebung und lassen sich selbst etwas für ihre Städte einfallen“, erklärt Andraos. „Die Leute erkennen, dass der öffentliche Raum einen Wert hat, den es sich zu entwickeln lohnt.“ Das Projekt, das auch dem Mesa Arts Center zugutekommt, will Nachahmer in der gesamten Region inspirieren – und insgesamt zu einer Belebung der Stadt Mesa beitragen.

 

Mesa Musical Shadows from Daily tous les jours on Vimeo.

Mouna Andraos ist Mitbegründerin von Daily Tous Les Jours. Sie betrachtet Technologie als Vehikel für gesellschaftliche Veränderung. Ihre Arbeit soll Technologie entmystifizieren und verbreiten. Daily Tous Les Jours konzentriert sich auf kollektive Erlebnisse in öffentlichen Räumen. Dies soll einen Wandel herbeiführen, zur Kommunikation zwischen Fremden anregen und starke Bande zwischen Bürgern und deren eigener Umgebung schaffen. Mehr Informationen zum Projekt gibt es auf der Website, sowie auf Facebook und Twitter.