Die Journalisten Christina Horsten und Felix Zeltner haben in New York das Projekt NYC12x12 gestartet. Gemeinsam mit ihrer Tochter Emma ziehen sie ein Jahr lang jeden Monat in ein neues Viertel der Stadt und berichten in unserer Kolumne über ihr Leben und ihre Erfahrungen. Erste Station: Long Island City.

„Um uns herum wird es bald 15.000 neue Wohnungen geben”, sagt der Barbier, während er, sich über mich beugend, vorsichtig meinen Bart stutzt.

Was bedeutet das für einen Herrensalon in einer Seitenstraße? „Wir eröffnen eine zweite Filiale, gleich hier um die Ecke”, sagt mein Friseur und grinst.

Als ich den Laden, untergebracht in der Garage eines kleinen Backsteinhauses, verlasse, blicke ich hoch auf die Kräne und die Betonskelette und die blaue Glasfront des Citibank-Hochhauses. Für einen Moment kommt es mir vor, als hätte das Stadtviertel seinen Vorhang zur Seite gezogen und einen kurzen Blick erlaubt auf das, was es ist, und was es wird.

Long Island City, halb Dorf, halb Gewerbegebiet, mit Taxigaragen und einer endlosen Karawane an Lastwagen, fühlt sich manchmal an wie der Dienstboteneingang von Manhattan. Doch zugleich verwandelt es sich in seine eigene, neue Stadt in der Stadt.

Ein spannender Ort, den wir nie kennengelernt hätten, wenn wir nicht mitten in New York unser ganz persönliches Abenteuer gesucht hätten: innerhalb von zwölf Monaten in zwölf Stadtvierteln in allen fünf Bezirken zu leben.

Von Park Slope, Brooklyn nach Long Island City

Meine Frau Christina und ich hatten schon länger überlegt, durch New York zu ziehen – und als der Vermieter unserer Wohnung in Park Slope, Brooklyn, im Frühjahr drastisch die Miete erhöhte, hatten wir plötzlich einen Anlass dazu.

Wir spendeten einen Großteil unseres Hausrats an die Obdachlosenhilfe Housing Works und den Gehsteig und begannen das, was wir NYC12x12 nennen: ein Jahr lang jeden Monat in einem neuen Stadtviertel leben, mit dem Ziel, alle fünf Bezirke – Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staten Island – zu erobern.

Warum? Weil wir nach vier Jahren New York mehr über die Menschen und ihre Stadt lernen und die Erfahrungen mit anderen teilen möchten. Weil wir – während wir beide Vollzeit arbeiten und unsere Tochter glücklich und gesund bleiben soll – hoffen, auf diese Weise ein neues Zuhause zu finden. Und weil wir vielleicht auf diesem Weg in einigen Gegenden landen, die wir uns sonst nicht hätten leisten können, oder die wir gar nicht erst auf dem Radar hatten.

Ein Abendessen in jedem Viertel

Ein solches Viertel ist Long Island City, unsere erste Station. Wir haben sie Amol Sarva zu verdanken, einem New Yorker Start-up-Gründer und Investor. Als ich ihm von unserem Projekt erzählte, sagte er: „Warum wohnt ihr nicht eine Weile bei mir im Haus?“

Ich kannte Amol über gemeinsame Arbeit. Allerdings war ich mir bis dahin nicht bewusst, dass er ein Haus gebaut hatte. Ein siebenstöckiges Wohnhaus mit rostbrauner Stahlfassade auf der Jackson Avenue, die Grenze zwischen Wohn- und Gewerbegebiet.

Wir zogen in eine große leere Wohnung, die zum Verkauf steht, und einigten uns schließlich mit ihm, den Rest unserer Möbel dort zu lagern und so in einen Showroom für Interessenten zu verwandeln.

Als wir Freunde und Nachbarn zum Abendessen einluden – wir haben vor, in jedem Viertel ein Abendessen zu veranstalten – kontaktierten wir einige Lokaljournalisten in Queens in der Hoffnung, sie würden uns über ihre Erfahrungen mit Long Island City berichten. Einige von ihnen beschlossen jedoch, stattdessen über uns zu schreiben.

Ihre Artikel lösten eine Flut von Anmeldungen für unseren Newsletter aus, und unsere E-Mail-Box lief voll mit Nachrichten von Menschen aus der ganzen Stadt, die uns in ihre Stadtviertel einluden. So lernten wir den berühmten Stolz der New Yorker vom Norden der Bronx bis zum Süden von Staten Island kennen.

Wir haben New York immer als eine Stadt erlebt, die, wenn man die stressbedingte Grobheit abkratzt, sich als Ort voller freundlicher, aufmerksamer und hilfsbereiter Menschen entpuppt. Unser Projekt bewies uns das nun.

Eine Frau bot uns an, im März ihr Haus auf der Upper West Side, einen Steinwurf entfernt vom Central Park, zu sitten – mit Hund und Katze. Kostenlos. „Ich habe allen möglichen Quatsch gemacht, als ich jung war”, sagte sie am Telefon, „also habe ich beschlossen, mich bei euch zu melden und zu helfen.”

In der Bowery lernt Emma Chinesisch

Weitere Helfer sind Firmen vor Ort. Das Umzugs-Start-up Gorilla Bins hat uns praktische Plastikkisten für ein Jahr geborgt. Die Matratzenhersteller von Casper schickten Kopfkissen. Die Wohn-Community Listings Project unterstützt uns mit Coupons für Wohnungsgesuche und ermöglichte unseren Stopp Nummer Zwei: ein riesiges altes Industrie-Loft in der Bowery in Chinatown.

Der Monat dort ermöglichte nicht nur einen Einblick in die geheimnisvollste und altertümlichste Ecke von Manhattan, sondern auch einen – in New York eigentlich unmöglich – preiswerten Kindergarten für Emma, in dem sie nun Englisch und Chinesisch lernt.

Von China zogen wir nach Westafrika. Genauer gesagt: hinauf auf die 120. Straße in Central Harlem, und fühlten uns plötzlich wie die am schlechtesten angezogenen Menschen in ganz New York City.

Unsere Haustür öffnete sich auf den Malcolm X Boulevard, ein Laufsteg an jedem Tag der Woche, vor allem aber sonntags, wenn die Community in die unzähligen Kirchen strömt. Die Bewohner von Harlem gehen selbst auf ihrem Weg zur Kirche noch in die Kirche, so hat es ein Kabarettist neulich formuliert. Und sie sehen immer fantastisch aus.

Der September ist allerdings auch einer der hektischsten Monate in New York. Wir arbeiteten Tag und Nacht, und die drei Wohnungen, die wir für Oktober gefunden hatten, wurden alle im letzten Moment abgesagt. Die Zeitnot brachte Nervosität und machte uns zur leichten Beute für Betrüger.

Betrüger auf Airbnb und PayPal

Erst stand ich nach einem Fake-Angebot auf Airbnb vor einem Apartment im 21. Stock eines Hochhauses auf der Lower East Side, dessen Bewohnerin mich verwundert ansah. Dann, in allerletzter Not, buchten wir blindlings und mit vielen Komplikationen eine Wohnung in Sunset Park, Brooklyn.

Wir parkten das vollgepackte Auto vor dem Haus und klingelten. Ein alter Mann öffnete, und nach wenigen Worten war klar: Wir waren obdachlos. Der Betrüger hatte uns zuvor mit viel Engagement von Airbnb zu FlipKey zu PayPal gelotst, um an unser Geld zu kommen.

Er wurde von allen drei Plattformen enttarnt und gesperrt. Wir bekamen unser Geld zurück, aber nicht die Wohnung, für die wir einen Mietvertrag unterschrieben hatten.

Obdach fanden wir wieder im Haus in Long Island City und landeten zurück auf Start. „Irgendwann musste euch das passieren“, sagte Amol und gab uns einen Artikel über den vielleicht dreistesten Wohnungsbetrüger der Stadt zu lesen, dessen Taktiken uns allzu bekannt vorkamen.

„Ihr könnt einfach Apartment 2W mieten, das kommt gerade auf den Markt”, sagte er. Wir überlegten. Der Betrug hatte uns niedergeschlagen.

Aber dann dachten wir an die vielen Viertel, die wir noch nicht kannten. Und entschieden, bis zum Ende des Monats in Long Island City zu bleiben. Für November und Dezember haben wir bereits Zusagen für Wohnungen in Williamsburg und Bushwick, zwei benachbarten Vierteln in Brooklyn.