Raining Poetry macht nasse Tage in Boston etwas weniger trüb – und viel überraschender.

Bei den meisten Menschen drücken Regentage auf die Stimmung. Aber eine Organisation in Boston verfolgt einen anderen Ansatz: Für Mass Poetry ist schlechtes Wetter eine tolle Gelegenheit, den Tag ihrer Mitmenschen etwas aufzuheitern.

Die Mission von Mass Poetry ist einfach. Sie will Schriftsteller aus dem US-Bundesstaat Massachusetts zusammenbringen, den Kreis der Kreativen erweitern und fördern und ihre Arbeit den Massen nahebringen – um Poesie allen Menschen zugänglich machen, ungeachtet ihres Alters oder Hintergrunds.

Raining Poetry sprayen
Wer Poesie sucht, wird auf den verregneten Straßen Bostons fündig.

Poesie für alle

Die in Boston ansässige Organisation bringt Gedichte ohne Umwege direkt zu den Menschen, damit sie nicht erst Buchläden oder Bibliotheken danach durchforsten müssen. Gleichzeitig will die Initiative neue Zielgruppen erreichen und zeigen, dass Poesie nicht biederen Akademikern vorbehalten ist, sondern alle ansprechen und berühren kann – egal ob sie in Form eines Sonetts, eines Haiku oder eines Rap-Songs daherkommt.

„Wir organisieren das Massachusetts Poetry Festival in der Stadt Salem, wo wir über 100 von Dichtern geleitete Workshops, Diskussionen und Foren haben“, erklärt Mass Poetry-Programmdirektorin Sara Siegel die von ihnen geleitete Initiative. „Außerdem richten wir die U35 aus, eine Lesereihe für Lyriker unter 35 Jahren, die alle zwei Monate in Boston stattfindet. Aber was die Veränderung der Wahrnehmung von Poesie angeht, so ist unsere wichtigste Arbeit der Student Day of Poetry, an dem Hunderte von Schülern an von Lyrikern geleiteten Workshops für kreatives Schreiben teilnehmen. Hier erleben Schüler das Lesen und Schreiben unterschiedlicher Arten von Lyrik und lernen, dass Rap, Hiphop und das gesprochene Wort auch Formen von Poesie sind.“

In jüngerer Zeit jedoch hat Mass Poetry die Arbeit seiner Wortkünstler auf die belebten Straßen seiner eigenen Heimatstadt getragen. Unter dem Oberbegriff Raining Poetry hat die Organisation im April 2016 anlässlich des National Poetry Month erstmals vier Gedichte bekannter Lyriker mit Verbindungen zu Boston im Stadtzentrum verteilt.

Begleitet wird Mass Poetry vom Poet Laureate Program der Stadt und der Stadt Boston (dem Dezernat für Kunst und Kultur), das die erste Runde des Projekts und die Installation der Gedichte finanziert hat. Für das Projekt werden auch Schablonen verwendet, die von Studenten einer im benachbarten Cambridge ansässigen Kunsthochschule und einer ebenfalls in Massachusetts beheimateten gemeinnützigen Werkstatt gefertigt wurden. Das Resultat ist eine Mischung aus Poesie und Street Art, und zwar eine besondere: Alle Gedichte sind unsichtbar und geheim – bis es regnet.

Wasser abweisen, um Kunst zu machen

Das ganze Projekt basiert auf Rainworks Invisible Spray, einem biologisch abbaubaren, wasserabweisenden Spray. Wenn das Spray mithilfe der Schablonen aufgetragen und getrocknet ist, verschwindet es. An Regentagen wird es wieder sichtbar – zur Überraschung der Bostoner Passanten. Die Technik ist nicht neu – sie nutzt ein cleveres Produkt und Konzept, das der amerikanische Künstler Peregrine Church entwickelt hat. Ihm diente es ursprünglich dazu, die Straßen von Seattle mit positiven Slogans und Hüpfkästchen zu bedecken. Das haben beide Projekte gemeinsam: Sie wollen Menschen zum Lächeln bringen, sie in einer immer schnelllebigeren digitalen Welt ein wenig entschleunigen und ihre Sichtweise auf die Stadt erweitern.

„Zu sehen, wie ein ganz normaler Bürgersteig plötzlich zum Leben erwacht, wenn er mit Wasser in Berührung kommt, ist unglaublich“, schwärmt Siegel. „Wir hatten so eine positive Resonanz – Leute aus aller Welt haben darauf reagiert. Ein Video  vom New York Magazine über das Projekt vom erreichte auf Facebook 20 Millionen Aufrufe – unglaublich. Wir wollen die Menschen an alltäglichen Orten mit Gedichten überraschen, um sie zum Innehalten zu bringen und an einem trüben Tag aufzuheitern.“

Raining Poetry beschränkt sich keineswegs nur auf die regnerischen Herbst- und Wintermonate. „Im Sommer gibt es hier oft Gewitter“, erklärt Siegel. „Aber als wir die Installation publik gemacht haben, wurden die Leute neugierig. Sie machten die Gedichte ausfindig und schütteten Wasser darauf.“

In nur drei Monaten ist Raining Poetry so gut angekommen, dass Mass Poetry darüber nachdenkt, das Projekt über Boston hinaus zu erweitern. „Wir arbeiten nur innerhalb von Massachusetts, daher haben wir erste Pläne, mit einigen Organisationen und Städten in unserem Bundesstaat zusammenzuarbeiten“, so Siegel. Aber das heißt nicht, dass sich die Initiative nicht weiter verbreiten kann. Für Gemeinden im Rest der USA – und der Welt – hat Mass Poetry einen Raining Poetry Guide entwickelt, eine praktische Anleitung für alle, die die Zaubertinten-Poesie in ihre eigene Stadt bringen wollen.

Die Zukunft ist nass

Am Ausgangsort läuft die nächste Welle des Projekts schon an. „Es wäre toll, wenn die Gedichte in die Stadtviertel ziehen würden“, sagt Danielle Georges, preisgekrönte Bostoner Dichterin und Kuratorin von Raining Poetry. „Von East Boston bis South Boston, von Hyde Park bis Roxbury, von Mattapan und Jamaica Plain bis Allston – in alle Stadtteile.“

„Danielle hat unsere nächste Poesie-Runde ausgewählt“, erläutert Siegel. „Wir werden Gedichte in ganz Boston verteilen, und zwar in verschiedenen Sprachen, um die gemischte Bevölkerung der Stadt widerzuspiegeln.“

Angesichts der anderen Projekte von Mass Poetry, die den Alltag der Bostoner bereichern sollen, dürfte es Siegel und ihrem Team so schnell nicht langweilig werden. „Wir setzen unser anderes Public-Poetry-Projekt – Poetry on the T – fort und suchen Sponsoren für Poesie-Monate im öffentlichen Nahverkehr von Boston“, erklärt sie. „Und im September organisieren wir An Evening of Inspired Leaders – ein Event, bei dem Führungspersonen aus ganz Massachusetts zusammenkommen, um sich über ihre Lieblingsgedichte und deren persönliche Bedeutung auszutauschen.

fertiges Straßengedicht
Regen lüftet das Geheimnis der poetischen Straßenkunst.

Weitere Informationen gibt es auf der Website von Raining Poetry.