Manchmal helfen nur Bilder. Vor allem in der Stadt, diesem Universum der Simultanität, in dem alles gleichzeitig passiert. Um den Dingen hier auf den Grund zu gehen, muss man die Zeit verdichten oder dehnen. Diese sechs Filmemacher bzw. Fotografen werden deinen Blick auf deine Stadt verändern.

1. Craig Stecyk und seine Dogtown-Skater

Craig Stecyk, dunkle Sonnenbrille, Baseball Cap, steht am Santa Monica Pier in Los Angeles. Es ist einer der wichtigsten Orte seines Lebens: In den frühen 1970er Jahren hat der Fotojournalist in dieser Gegend eine Dokumentation über die Z-Boys produziert. Eine Gang, die das Skateboarding wie wir es heute kennen, erfunden hat. Stecyk faszinierten jedoch nicht nur die Ollies, Flips, Slides und Grinds der Skater. Für das Skateboarder Magazine dokumentierte er auch ihr Leben in „Dogtown“ – dem damals völlig heruntergekommenen Venice Beach in West L.A.

„Die Menschen verstehen diese Fotos und Filme fälschlicherweise als Kunst. Die echte Kunst ist aber der Moment selbst, der Moment, den ich mit meiner Kamera festgehalten habe“ sagt der wichtigste Chronist der kalifornischen Surf- und Skatekultur. Stecyk meint damit: Die echte Kunst der anarchischen Bewegung liege in den Sekundenbruchteilen, in denen ein Skater die Schwerkraft mit Geschwindigkeit und Technik überwindet.

Damit untertreibt Stecyk, dessen Bilder in renommierten Museen hängen, allerdings ein bisschen: Kaum ein anderer Fotograf hat diese intensiven Momente ähnlich großartig festhalten können.

„Die echte Kunst ist der Moment selbst, der Moment, den ich mit meiner Kamera festgehalten habe.“
„Die echte Kunst ist der Moment selbst, der Moment, den ich mit meiner Kamera festgehalten habe.“
Foto: Craig Stecyk

2. Hiroshi Kondo und sein Tokio-Zeitraffer „Eye Know“

Die schnelle Bewegung durch den urbanen Raum ist auch auf der anderen Seite des Pazifiks ein Sujet für Kreative. In Tokio hat der junge Videokünstler Hiroshi Kondo vor Kurzem einige schlaflose Nächte mit einem schwindelerregenden Experiment verbracht – er ist mit einer am Rahmen seiner Kawasaki montierten Kamera mit Höchstgeschwindigkeit über die Tokioter Stadtautobahn gerast.

Auch wenn wir dringend davon abraten, dies nachzuahmen: Der dabei entstandene Film „Eye Know“ verwandelt die Autobahn in eine Supernova an Bildern – so ähnlich stellt man sich wahrscheinlich die Reise durch die Lichter entfernter Galaxien vor. Mit dem Sound sphärischer Pianoklänge unterlegt, dehnt Kondo den Herzschlag seiner Stadt bis in die Unendlichkeit aus.

„Mein Film versucht einfach, die Zeit einzufangen“, erklärt er. „Auch wenn es sehr schwer ist, die Phänomene von Beschleunigung und Vergänglichkeit zu beschreiben, kann ich eine Ahnung davon in meiner Arbeit visualisieren.“

youtube teaser image

3. „C‘était un rendez-vous“: in acht Minuten durch Paris

Wer sich mit dem Konzept von Städten und Bewegung auseinandersetzt, wird unweigerlich an einen der absoluten Klassiker des Genres geraten: den Kurzfilm „C’était un rendez-vous“ von Claude Lelouch aus dem Jahr 1976. Mit einer Kamera am Kühlergrill eines Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 legte der französische Regisseur darin in wahnwitzigem Tempo die Strecke von der Peripherie über die Champs-Elysées, Place de la Concorde, Place Pigalle bis zur Kirche Sacré Coeur zurück.

Acht Minuten für genau zehn Kilometer – und oben am Ziel wartet das Rendezvous des Fahrers. Viel länger hätte der Ein-Take-Streifen ohnehin nicht gehen dürfen, denn mehr Material passte nicht auf die 35-mm-Filmrolle.

Ein bisschen getrickst hat Lelouch dennoch: Da er auf die Tonspur den Klang des V12-Motors eines Ferrari 275 GTB gemischt hat, glaubt man, er sei in einem Sportwagen unterwegs. Doch nur die Mercedes-Luxuslimousine mit ihrem hydropneumatischen Fahrwerk ermöglichte eine stabile Kameraführung. Es lebe die Illusion!

youtube teaser image

4. Cy Kuckenbaker: San Diegos Senkrechtstarter

Gut, dass der amerikanische Filmemacher Cy Kuckenbaker so gerne Flugzeugen beim Landen und Starten zuschaut. Bei einer dieser Beobachtungen fielen ihm bestimmte Muster der Flugbahnen auf. Um diesen Prozess zu visualisieren, filmte er einen halben Tag lang jedes am San Diego Airport startende und landende Flugzeug. Dann bearbeitete er jeden dieser Vorgänge am Computer und kopierte alle Szenen in einen einzigen Film. Der so verdichtete, choreographierte 30-Sekunden-Massenstart verblüfft – vor allem deshalb, weil wir diese Prozesse nur zu gut kennen, aber ihnen üblicherweise kaum Beachtung schenken.

Eine ähnliche Idee steckt auch hinter einem Experiment auf dem San Diego Freeway. Hierfür filmte, schnitt und sortierte er Fahrzeugen nach Farben: Zu Anfang des Films fahren nun nur weiße Autos, dann silberne, schließlich schwarze, blaue, rote – und ganz zum Schluss verschiedene bunte.

„Verkehrsmuster und -mengen festzustellen und aufzubereiten fasziniert mich“, sagt Kuckenbaker: „Die Farbpalette der Autowelt dieser Stadt und die Lieblingsfarben San Diegos treten dabei plötzlich ganz intensiv in Erscheinung.“

youtube teaser image

5. Chris Burdens „Metropolis II“

Sie wirkt in der Tat wie eine postmoderne Kulisse aus Fritz Langs Filmklassiker „Metropolis“: Chris Burdens kinetische Installation „Metropolis II“ erinnert an eine gigantische Darda-Bahn, auf der Autos und Züge durch einen künstlichen städtischen Organismus rasen.

„Im Betrachter wird durch den Lärm und den unaufhörlichen Strom an Zügen und Autos der Stress hervorgerufen, den eine lebendige und geschäftige Metropole des 21. Jahrhunderts für ihre Bewohner bereithält“, sagt Burden über sein Kunstwerk, das im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) zu sehen ist.

youtube teaser image

6. Ed Ruscha und seine „Twentysix Gasoline Stations“

Ed Ruscha ist ein echter Pionier: Am Anfang seiner Karriere notorisch missverstanden, zieht der Konzeptkünstler heute die Massen in internationale Kunstgalerien und Museen. Doch immer noch benötigt der Betrachter einen zweiten Blick, um auf Ruschas Motiven nicht nur das Gewöhnliche zu entdecken.

Denn was soll schon so besonders sein an Tankstellen, Geschäften oder Wohnblöcken? Vor allem, wenn man sie monothematisch in einem Band sammelt, wie im ersten selbst herausgegebenen Buch „Twentysix Gasoline Stations“ – zu seiner Zeit ein echter Ladenhüter. Auch ein anderes Ruscha-Projekt erschien zunächst eher trivial: Ruscha montierte eine Plattenkamera an einem Lkw, um alle Gebäude am Sunset Strip in Los Angeles aufzunehmen, aus denen er dann ein durchgängiges 10-Meter-Panorama zusammenklebte, das jedes Detail zeigt.

Ruschas wahre künstlerische Leistung wurde deshalb erst einige Jahrzehnte später erkannt: Er gilt heute als wichtigster Dokumentar der Stadt im Wandel der Zeit. Natürlich nie ohne eines der wichtigsten Elemente amerikanischer Kultur: dem Auto.

 

© Ed Ruscha. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Gagosian Gallery

Titelbild: Hiroshi Kondo