Wer in Vancouver lebt, hat es gut: Ozean und Berge liegen gleich vor der Tür und sind beliebte Erholungsgebiete. Nun will die Stadt mit einem rekordverdächtigen Plan noch umweltfreundlicher und lebenswerter werden.

Mit ihrem Greenest City 2020 Action Plan will Vancouver innerhalb der nächsten vier Jahre zur umweltfreundlichsten Stadt der Welt werden. Insgesamt zehn soziale und umweltpolitische Ziele werden in dem Plan klar umrissen. Drei Hauptschwerpunkte geben den Takt vor: null Emissionen, null Abfall und gesunde Ökosysteme.

Um den ehrgeizigen Plan möglichst bald zu verwirklichen, arbeitet die Stadt seit 2011 und durch sämtliche Verwaltungsebenen mit Stadtrat, Bürgern, Unternehmen und anderen Organisationen zusammen. 2015 hatte Vancouver bereits 80 Prozent der ursprünglichen, selbst gesetzten Hauptziele erreicht und – im laufenden Prozess – mehr als 50 weitere Handlungsfelder für die kommenden Jahre identifiziert.

Ein schöner Nebeneffekt dieser ambitionierten Aktion: viele spannende Projekte und Innovationen, verteilt über die gesamte Stadt. Wir stellen einige der Leuchtturmprojekte vor, die den Aktionsplan mit seinen zehn Schwerpunktzielen besonders gut widerspiegeln und gleichzeitig den langjährigen Pionierstatus Vancouvers als lebenswerte, nachhaltige Stadt besonders unterstreichen

Skyline von Vancouver
Zwischen Bergen und Wasser liegt die Stadt Vancouver.
Foto: City of Vancouver

Empower Me

Vancouver gilt seit jeher als kultureller Melting Pot: Die Bewohner der Stadt kommen aus allen Ecken der Welt. In diesem Sinne arbeitet Vancouver sehr bewusst daran, mögliche Barrieren abzubauen, um beim wichtigen Thema Energie wirklich alle Bevölkerungsgruppen entsprechend abzuholen.

Empower Me ist ein preisgekröntes Energiesparvorhaben, das alle Einwohner Vancouvers gleichermaßen motivieren und einbeziehen möchte. „Das Programm wendet sich gezielt an Menschen, die gerade erst in Kanada angekommen sind. Immigranten werden von Menschen gleicher Herkunft in ihrer eigenen Landessprache und direkt bei sich zu Hause informiert“, so Sarah Smith, die beim Energieanbieter FortisBC, einem der Projektpartner, für Energieeffizienz und Naturschutz verantwortlich ist. Empower Me ernennt spezielle Community-Kontaktpersonen für bestimmte ethnische Gruppen, um geplante Maßnahmen auch über Sprachgrenzen hinweg zu vermitteln.

So lernen die Menschen voneinander und lassen sich leichter motivieren, ihren eigenen Energieverbrauch zu senken und damit gleichzeitig Kosten zu sparen. Außerdem erreichen diese Kontaktpersonen Neuankömmlinge leichter und können ihnen Konzepte und Technologien vermitteln, die ihnen eventuell noch fremd sind.

Mit starken Gemeinschaften und Gruppenprojekten will Vancouver sein Ziel erreichen.
Mit starken Gemeinschaften und Gruppenprojekten will Vancouver sein Ziel erreichen.
Foto: Getty / Hero Images

Arbutus Greenway

Im März 2016 – nach 20 Jahren ergebnisloser Verhandlungen – einigte sich Vancouver mit der Eisenbahngesellschaft Canadian Pacific Railway auf den Verkauf der Arbutus-Trasse. Der Kaufpreis: insgesamt 55 Millionen Dollar. Die ehemalige Zugstrecke durchzieht neun Kilometer des Stadtgebiets und soll Vancouvers Bewohnern in Zukunft als praktischer, naturnaher Verkehrskorridor zur Verfügung stehen.

Die Trasse verbindet ganze Nachbarschaften miteinander und vereinfacht den Weg ins Stadtzentrum. Geplant sind bisher Rad- und Fußwege; später sollen auch Stadt- oder Straßenbahnen folgen. „Wir möchten vor allem, dass die Menschen größere Strecken zu Fuß zurücklegen“, erklärt Jerry Dobrovolny, Vancouvers Verkehrsdirektor, in einem Interview mit dem Vancouver Courier.

„Wer bisher nur kurz um die Ecke gelaufen ist, geht stattdessen zwei Kilometer zu Fuß. Und wer schon zwei Kilometer gelaufen ist, steigert sich auf acht Kilometer. Wir wollen, dass die Leute diesen Greenway direkt erleben, ihn sich ansehen und dann auch nutzen. Dann können sie auch zu unseren öffentlichen Sprechstunden kommen und sich in einem gemeinsamen Gestaltungsprozess für einen spektakulären Mehrwert für Vancouver einbringen.“

Bisher wurden schon diverse Pop-up-Planungsveranstaltungen in den Bezirken abgehalten, um abzufragen, was den Anwohnern selbst wirklich wichtig ist. Da die Stadt im Rahmen ihres Plans ihre umweltfreundlichen Mobilitätsangebote verdoppeln möchte, steht der zukünftige Grünstreifen klar im Fokus.

Nach optimistischen Schätzungen könnte die neue Strecke schon im kommenden Jahr eröffnen – entsprechende Tramlinien sind ab 2018 geplant.

Grünzug in Vancouver
Vancouver verwandelt urbane Flächen in nachhaltige Transportwege.
Foto: Flickr / Corey Burger (CC BY-SA 2.0)

2015 Organics Ban

Seit Januar 2015 dürfen im Regionalbezirk Metro Vancouver keine Essensreste mehr in den Müll wandern. Da Lebensmittelabfälle etwa 40 Prozent des städtischen Müllaufkommens ausmachen, sind sie auch für wesentliche Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Die Vermeidung solcher Abfälle senkt nicht nur das nötige Deponievolumen, sondern gleichzeitig auch die Umweltbelastung, während lokale Gärten und Bauernhöfe – als angenehmes Nebenprodukt – fruchtbaren Humus erhalten. Laut Greg Moore, dem Vorsitzenden von Metro Vancouver, „tangiert dieses Verbot absolut jeden – ob zu Hause oder unterwegs. Denn wir müssen radikal umdenken. Wir müssen Wege finden, unseren Biomüll, unsere Recyclingstoffe und unsere Festabfälle vernünftig zu trennen.“

Biomüll wird bei Privathaushalten mittlerweile wöchentlich abgeholt, genau wie Recyclingstoffe und Restmüll. Dabei betrifft das Entsorgungsverbot jeden privaten und öffentlichen Haushalt in der Region, von Restaurants und Schulen bis hin zu Unternehmen und Anwohnern.

Vancouver nimmt diese Maßnahme sehr ernst: Wo Essensreste mehr als ein Viertel des Abfalls ausmachen, wird das Entsorgungsentgelt einfach um 50 Prozent erhöht. Dabei arbeitet die Stadt sehr eng mit den Bewohnern zusammen, auch in mehreren Sprachen, um ihnen möglichst gut zu vermitteln, was genau als Nahrungsabfall gilt.

Eine passende Kampagne namens “Hey! Food isn’t Garbage” macht stadtweit mit cleveren, leicht verständlichen Aktionen darauf aufmerksam, was entsprechend in die Biotonne wandern sollte.

Mit einer neuen Kampagne stellt die Stadt das Thema Müllvermeidung in den Mittelpunkt.
Mit einer neuen Kampagne stellt die Stadt das Thema Müllvermeidung in den Mittelpunkt.
Foto: Getty / Dan Brownsword

Victory Gardens

Im Rahmen von Vancouvers Aktionsplan will die Stadt bis zum Jahr 2020 50 Prozent mehr Anlaufstellen für frische Nahrungsmittel etablieren (Vergleichswert: 2010). Im Rahmen dieser Initiative soll die Zahl der Frischkostproduzenten auf über 5.000 wachsen, etwa durch Gemeinschaftsgärten, Bauernmärkte, urbane Farmen oder Obstgärten.

Das lokale Unternehmen Victory Gardens unterstützt das Ziel, indem es unterschiedlichste urbane Räume in Anbauflächen umwandelt. „Wir haben uns für den Namen Victory Gardens entschieden, da er unseren Ansatz und Anspruch sehr gut beschreibt: Bei uns stehen Beteiligung und Solidarität im Vordergrund, mit dem Ziel der Selbstversorgung“, erklärt Mitgründerin Lisa Giroday.

Victory Gardens arbeitet primär mit lokalen Anwohnern und Unternehmen zusammen, um Platz für in Eigenregie gepflegte Beete zu schaffen und gleichzeitig erste Hilfe und Anleitung bei der Pflanzenzucht zu leisten. Wer (zu) viel zu tun hat, kann Victory Gardens auch die gesamte Gartenpflege überlassen.

Das Projekt ist in Vancouver sehr aktiv und veranstaltet oft lehrreiche Events zum Thema. Wer stattdessen lieber in Ruhe zuhause mehr über Garten und Eigenanbau erfahren möchte, kann sich auch einfach eine ganze Reihe leicht verständlicher YouTube-Videos des umtriebigen Vereins ansehen.

Sole Food Farms

Mit fast zwei Hektar Anbaufläche im Innenstadtbereich zählt Sole Food Farms zu Vancouvers innovativsten Nachhaltigkeitsprojekten. Und während das Projekt klare Erfolge in Sachen Umweltschutz vorweisen kann, legt es mindestens ebenso viel Wert auf Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit. Unter anderem schafft die Farm Jobs und bietet gezielt Schulungen für benachteiligte Einwohner der ärmsten Stadtteile Vancouvers an.

Einer der Leiter und Projektmanager von Sole Food Farms, Seann Dory, erklärt, dass „wir uns hier bewusst auf wenige Sorten konzentrieren, um diese möglichst gut und effizient anzubauen. Damit legen wir einen Grundstein für mehr Beschäftigung – und versorgen gleichzeitig die Innenstadt mit mehr frischen Nahrungsmitteln.“

Die sozialunternehmerischen Ziele von Sole Food Farms decken sich mit vielen Zielsetzungen der „Greenest City“-Initiative: Sie konzentrieren sich auf die Verknüpfungen und Querverbindungen zwischen Ernährung, Gesundheit und Armut. Das Projekt möchte ein flexibles Arbeitsumfeld in einer gut vernetzten Nachbarschaft etablieren und arbeitet dabei direkt mit den Angestellten zusammen, um neue Chancen und Potenziale zu erschließen. Nicht zuletzt trägt Sole Food klar zu einem der wichtigen Aktionsplan-Ziele bei: die Schaffung von mehr als 3.000 „grünen“ Jobs.

Sole food Beet
Mit Urban Farming sollen in Vancouver 3.000 neue Jobs entstehen.
Foto: Sole Food

Lighter Footprint Project (CityStudio)

Ganz im Sinne von Vancouvers Ziel eines reduzierten ökologischen Fußabdrucks misst die Stadt den Einfluss ihrer Kampagnen vor allem daran, wie viele Menschen sich durch städtische oder stadtgeförderte Initiativen motivieren lassen. Allein zwischen 2011 und 2014 stieg die Zahl der engagierten Teilnehmer um 12.800.

Manchmal wird die Stadt dabei richtig kreativ: zum Beispiel mit CityStudio, einem Experimentier- und Innovationszentrum für Studenten, Einwohner und die Stadt Vancouver selbst – für gemeinsame Projekte, die die Aktionsplan-Ziele verfolgen.

Seit 2011 war CityStudio an 205 Projekten beteiligt und hat dabei mehr als 100.000 Stunden in Trainings- und Innovationsmaßnahmen investiert, um Vancouvers „Greenest City“-Strategien voranzutreiben. Und dank der mehr als 3.500 beteiligten Studenten überraschen diese Projekte oft mit unkonventionellen Stadtverbesserungsideen.

Die Projektinitiatoren sind überzeugt, „dass jeder von uns zur Minimierung unseres ökologischen Fußabdrucks, also der Ressourcen, die unsere Gemeinschaft benötigt, beitragen kann und sollte.“ Als Leuchtturmprojekt versorgt CityStudios „Lighter Footprint Project“ engagierte Menschen mit den richtigen Hilfsmitteln, um gemeinsam mit Nachbarn den kollektiven ökologischen Fußabdruck zu verkleinern.

Durch diesen Brückenschlag zwischen Anwohnern und dem Greenest City 2020 Action Plan konnte das Lighter Footprint Project bereits messbare ökologische Verbesserungen bewirken.

Urban Farming trägt zur Minimierung des ökologischen Fußabdrucks der Stadt bei.
Urban Farming trägt zur Minimierung des ökologischen Fußabdrucks der Stadt bei.
Foto: Getty / Compassionate Eye Foundation / Steven Errico