Weite Teile der Niederlande liegen unterhalb des Meeresspiegels. Kein Wunder, dass hier ständig neue Ideen und Produkte entstehen, die dem Klimawandel trotzen. Die niederländische Designerin Fien Dekker hat nun Pflastersteine  zur Regenentwässerung entwickelt, die sich elegant in die städtische Infrastruktur integrieren lassen.

Wasser habe sie schon immer fasziniert, sagt Fien Dekker; der Erfolg eines Sommerurlaubs wurde deswegen stets an der Entfernung zum nächsten Pool oder Strand gemessen. Als Dekker später an der international renommierten Designakademie in Eindhoven studierte, war es also keine Überraschung, dass sie sich auf kreative Ansätze im Umgang mit Wasser konzentrierte.

„Am Ende kam alles zusammen“, erklärt Fien Dekker mit einem Lächeln, als wir uns während der Dutch Design Week 2017 mit ihr unterhalten. Das niederländische Designevent findet einmal jährlich im Oktober in Eindhoven statt und ist das größte seiner Art in Nordeuropa. Hier werden die Arbeiten und Ideen von mehr als 2.500 Designern präsentiert, dieses Mal mit dem Schwerpunkt auf Lösungen für zukünftige Herausforderungen.

Für die Designerin ist es eine arbeitsreiche Woche: Rain(a)way wurde für den What Design Can Do-Award nominiert, Fien hält Vorträge über ihr Projekt und veranstaltet Workshops für Landschaftsarchitekten und politische Entscheidungsträger. „Es ist stressig, aber auch inspirierend“, berichtet sie.

Closeup von Kacheln von Rainaway
Im Regen am schönsten: die Kacheln von Rain(a)way.
Foto: Rain(a)way
Designerin Fien Dekker zeigt ihr Projekt Rainaway in Eindhoven
Der Entwurf von Designerin Fien Dekker ist ästhetisch und funktional.
Foto: Adam Nowek

Niederschläge in der Stadt

Fiens Workshop soll die Branchen der Landschaftsgestaltung und Wasserwirtschaft zusammenbringen – zwei bis dato völlig verschiedene Welten. „Diese Verbindung ist immer noch sehr schwer herzustellen“, gibt sie zu. „Seltsamerweise spielt Wasser zu Beginn eines städtebaulichen Projekts nämlich kaum eine Rolle. Das kommt immer erst hinterher. Diese Herangehensweise möchte ich gerne ändern.“

Eigentlich begann Rain(a)way als Abschlussprojekt für die Design Academy mit einem sehr geradlinigen Produktdesign. Das Set aus Pflastersteinen für Gehwege und Straßen besteht aus zwei Teilsystemen.

Der Pflasterstein Ebbe transportiert dank seiner einzigartigen Textur das Regenwasser zu wasserdurchlässigen Oberflächen, während das Designmodul Flut das Wasser sammelt und durch winzige Öffnungen in den Boden sickern lässt. Die Rain(a)way-Steine könnten zukünftig herkömmliche, „geschlossene“ Straßenpflaster ersetzen und eine natürliche Wasserinfiltration ermöglichen.

Um ihre Vision, Wasser wieder in den öffentlichen Raum zu integrieren, zu verwirklichen, braucht es allerdings mehr als nur eine Produktlinie – das war Fien schnell klar. Deswegen hat sich der Fokus von Rain(a)way mittlerweile erweitert: Das Unternehmen stellt nicht nur Experten, sondern ist auch Inspiration für Stadtplaner und politische Entscheidungsträger, die zunehmend mit überfluteten Straßen und Bürgersteigen zu kämpfen haben.

eine rote Kachel von Rainaway
Die offene Struktur soll das geschlossene Straßenpflaster ersetzen.
Foto: Adam Nowek
Ein Fußweg, der mit roten Rainaway-Kacheln gepflastert ist
In den Niederlanden sind bereits etliche Kachel-Sets installiert.
Foto: Rain(a)way

Kreativ genutzter Regen

Im Rahmen eines viermonatigen Praktikums in Namibia ließ sich Fien auch von den Einheimischen und deren Beziehung zu Regen inspirieren. Tägliches Gesprächsthema: die Vorfreude der Menschen auf die langersehnten Niederschläge. Während ihres Aufenthaltes haben diese allerdings auf sich warten lassen. Und als es dann doch soweit war, wurde das Wasser dankbar willkommen geheißen.

Zurück in den Niederlanden wurde ihr schnell wieder die negative Einstellung zu Regen hierzulande deutlich. „Als ich nach Eindhoven zurückkam, las ich viel über die Probleme mit den zunehmenden Niederschlägen, da sich mein Abschlussprojekt auf den Klimawandel konzentrierte. Der Widerspruch zwischen der Sehnsucht nach Regen in Afrika und der Abneigung gegen ihn zuhause war extrem“, sagt Fien. „Ich wollte etwas schaffen, das die Schönheit des Regens hervorheben würde. Eine Lösung, die zeigt, wie Wasser im öffentlichen Raum Mehrwert und Qualität schaffen kann. Wir sollten nicht versuchen, dieses Wasser loszuwerden, sondern es annehmen und in unserem Sinne nutzen.“

Während ihrer vielen Recherchen stieß Fien auf Besonderheiten der japanischen Kultur und Architektur. Die Art, wie die Japaner Hightech mit einem Sinn für Natur verbinden, faszinierte sie. Ein paar Monate später stieg sie in ein Flugzeug nach Tokio.

„Japan hat eine lange Tradition, Wasser auf raffinierte Art und Weise in die Architektur zu integrieren; das finde ich toll!“ Für ihre Designs ließ sie sich von diesen grundlegenden Prinzipien und Methoden der japanischen Architektur inspirieren. „In ganz Japan gibt es Tempel – in Städten wie auf dem Land. Die meisten von ihnen haben separate Räume für traditionelle Reinigungsrituale. Hierfür wird ein natürlicher Wasserlauf kurz vorm Überfließen in einem Becken aufgefangen. Der natürliche Wasserstrom wird gleichsam verzögert, was ihm wiederum einen gewissen Wert gibt.“

Die Rückkehr des Wassers in die urbane Landschaft

Warum aber sollte man natürliche Wasserkreisläufe überhaupt zurück in die Städte bringen wollen? Fien hat darauf eine Antwort: „Der natürliche Wasserfluss ist im modernen, städtischen Umfeld vollständig verschwunden. Das gesamte Regenwasser fließt direkt in die Kanalisation und nicht in den Boden.“ Das ist nicht nur eine Verschwendung, sondern auch eine Belastung, die durch den Klimawandel nur noch verstärkt wird.

„Auf schwere Regenfälle folgen zunehmend oft starke Dürreperioden“, erklärt Fien. „Großstädte heizen sich zusätzlich auch immer mehr auf. Außerdem werden unsere derzeitigen Abwassersysteme nicht in der Lage sein, länger anhaltende Regenschauer zu bewältigen. Abwasserkanäle werden überflutet und das Wasser kann auch sonst nirgendwo hin, weil unsere Straßenpflaster komplett versiegelt sind.“

Fien möchte aufzeigen, dass Produkte wie die Pflastersteine von Rain(a)way eines von vielen fehlenden Gliedern in größeren, klimaadaptiven Designs für den urbanen Raum sein können. „Wir arbeiten mit immer unterschiedlicheren Partnern zusammen, um sicherstellen zu können, dass es sich langfristig um mehr als nur schöne Pflasterseine handelt. Vielmehr sollten sie Teil eines integralen, öffentlichen Raumdesigns mit offeneren Strukturen werden.“

Alles begann mit einem Design. Jetzt aber gehe es darum, das Konzept in den Alltag zu integrieren, so die Designerin. Gemeinden ebenso wie Landschaftsarchitekten müssten sich daran beteiligen, „in einer Größenordnung, die am Ende tatsächlich etwas verändern kann.“

Fien Dekker steht neben dem Rainaway-Kacheln
Fien Dekker und ihre im niederländischen Tilburg verlegten Kacheln.
Foto: Adam Nowek

Die Vision einer klimafreundlichen Stadt

In Tilburg in der Nähe von Eindhoven sind Fiens Visionen in Form eines öffentlichen Platzes – benannt nach Vincent van Gogh – bereits Realität geworden. „Es ist ein sehr cooles Projekt, das diesen November eröffnet“, erklärt Fien begeistert.

Der Platz wurde auf Initiative der Anwohner neu gestaltet und ist eine Hommage an den berühmten Maler, der einst hier gewohnt haben soll. Fien wurde von den Architekten zu Rate gezogen, weil sie für die historischen Bäume auf dem Platz eine angemessene Bewässerung benötigten.

„Aber ich habe mich gleich mit viel mehr Ideen eingebracht. Ideen, wie wir das Design des gesamten Platzes nachhaltiger und gleichzeitig schöner gestalten könnten.“ Kurzerhand wurde Fien mit an Bord geholt und entwarf ein Konzept nach ihren Vorstellungen – inspiriert von den Farben, die van Goghs niederländische Phase prägten.

Landschafts- und Produktdesign verbinden

Als Landschaftsarchitektin sieht sich Fien trotzdem nicht, wie sie betont. „Ich sehe meine Arbeit eher als Ergänzung zur Arbeit von Architekten und Stadtplanern. Wir können uns gegenseitig inspirieren. Meine Leidenschaft ist viel mehr, eine Verbindung zwischen Landschaftsgestaltung und Produktdesign zu schaffen und natürlich Wasser zu integrieren.“ Das Projekt in Tilburg ist ein schönes Beispiel für eine solche Zusammenarbeit.

Rain(a)way ist Teil einer größeren Bewegung, die darauf ausgerichtet ist, unsere Städte klimafreundlicher zu machen und sie an die verändernden Umweltbedingungen anzupassen. „In zehn Jahren können wir mit Rain(a)way hoffentlich behaupten, dass wir maßgeblich dazu beigetragen haben. Kurzum: dass wir die Wahrnehmung des öffentlichen Raums verändert haben.“ Und Fien ergänzt: „Wäre es denn nicht toll, wenn wir unsere Straßen zukünftig mit Rasenmähern anstatt mit Kehrmaschinen sauber halten könnten?“

mit Rainaway-Kacheln gepflasterter Van Gogh-Platz in Tilburg
Warten auf Regen: die innovativen Rain(a)way-Kacheln in Tilburg.
Foto: Adam Nowek

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