Gute Gestaltung lässt Objekte sprechen: smart Designer Hendrik Fries sorgt dafür, dass man Details wie den Luftdüsen im Cockpit des smart sofort ansieht, wie sie funktionieren. Dass dabei der Status des smart als Stilikone gewahrt werden muss, ist eine der größten Herausforderungen und Freuden in seiner Arbeit.

Zielstrebig überquert der junge Mann den Hof des Böblinger smart Hauptquartiers. In der Hand eine Rolle mit großformatigen Renderings und Designskizzen, die einen seltenen Einblick in die geheime Welt der Designabteilung von smart gewähren. Während man als Fahrer eines smart die Farben und Formen des Wagens und des Innenraums als unverkennbare smart Elemente annimmt, erzählen Hendrik Fries‘ Zeichnungen die Geschichten hinter den Designs. Damit aus Tagträumen und ersten Formstudien greifbare Formen und schließlich selbsterklärende Bedienelemente werden, sind viel Arbeit und auch einige Umwege nötig. Den Spaß an seiner Arbeit verliert Fries dennoch nicht.

Hendrik Fries bei der Arbeit
Verantwortung und Spaß: Designer Hendrik Fries kennt beides.

Die klassische Frage an einen Designer: Form oder Funktion?
Hendrik Fries: Eine eindeutige Produktsemantik ist immer sehr wichtig für einen Designer. Wenn ich einem Bedienelement nicht ansehe, wie es funktioniert, dann ist das nicht schön. Das Design muss eindeutig die Bedienbarkeit des Produkts kommunizieren. Bei smart haben wir den Begriff FUNctional Design – Spaß trifft Usability. Ein guter Begriff, um die Philosophie von smart zu erläutern. Die Details sind wichtig. Der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry sagte einmal sehr bezeichnend: Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern dann, wenn man nichts mehr weglassen kann. Im Kern ist das eine goldene Design-Regel.

Im Produktdesign gilt immer eine hohe Geheimhaltungsstufe. Wir versuchen es trotzdem: Woran arbeiten Sie gerade?
Hendrik Fries: Die Design-Abteilung ist zurzeit sehr mit der Modellpflege beschäftigt, ich bin vor allem für den Bereich Interior-Design zuständig. Mehr darf ich tatsächlich nicht verraten (lacht).

Empfinden Sie bei Neudesigns einen gewissen Druck?
Hendrik Fries: Natürlich. Verantwortung spielt immer eine Rolle, gerade bei einem beinahe schon ikonischen Fahrzeug wie dem smart. Als Designer tragen wir dazu bei, die Legende lebendig zu halten. Das macht aber auch den Reiz aus.

Wo finden Sie sich mit Ihrer Arbeit im neuen smart wieder?
Hendrik Fries: Ich war sehr in die Entwicklung der Luftdüsen eingebunden. Eine rotierende Kugel – das mag banal wirken, aber die technische Umsetzung war eine Herausforderung. Da stößt man auch an die Grenzen des Engineering. Daher ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Design und Engineering unerlässlich. Generell ist es wichtig, über den Tellerrand des eigenen Schreibtischs oder der Abteilung zu schauen. Wir sind im Design-Department gesamtheitlich unterwegs und übernehmen viele verschiedene Funktionen.

 

Glaswand im Design Department von smart
Bei seiner Arbeit für smart verliert Hendrik Fries das Gesamtbild nicht aus den Augen.

 

Portät von Hendrik Fries
FUNctional Design – ein guter Begriff, um die Philosophie von smart zu erklären.


Wie läuft der Designprozess ab?
Hendrik Fries: Jedes Element, ob Interior oder Exterior, entsteht im sogenannten Key Sketch. In dieser ersten Zeichnung sieht man erstmal gar nicht so viel. Es handelt sich um die abstrakte Idee einer Form. So etwas wird am Anfang des Prozesses ausgewählt. Aus den Skizzen wird ein zweidimensionaler Entwurf herausgearbeitet und daraus entsteht schließlich ein 3D-Modell. Währenddessen kommen erste Details dazu – wie die bereits erwähnten Luftdüsen. Ein erstes, grobes Bild des Interiors gibt Anlass zu Diskussionen. Passen eckige oder runde Düsen besser ins Gesamtbild? So kommt man allmählich vom Groben ins Kleine. Dass es Kugeldüsen werden müssten, wurde uns ziemlich früh klar. Auch die Stoffbespannung, die im Innenraum das Cockpit, Lenkrad und die Multimedia-Elemente einfasst, war schon im Key Sketch skizziert.

Gibt es trotz dieser etablierten Prozesse und nötigen Schritte Raum für verrückte Ideen?
Hendrik Fries: Unbedingt. Es ist sogar absolut nötig, sich diese gedanklichen Umwege und Ausflüge zu erlauben. Würde man das Design für eine Luftdüse an nur einem Tag fertigstellen wollen, dann wäre die Welt ganz schön langweilig. So käme man als Designer nur auf das Naheliegendste. Neue und fortschrittliche Ideen können unter der Voraussetzung nicht entstehen.

Hendrik Fries fährt im smart
Alltägliche Situationen spielen beim Design eine wichtige Rolle.
Touchscreen eines smart
User Interfaces wird es immer mehr auch in Autos geben.
Nahaufnahme eines smart Cabrio Verdecks
Nahaufnahme des Frontlichtdesigns eines smart

Wie emotional ist es, wenn eine Ihrer eigenen Ideen nicht berücksichtigt werden kann?
Hendrik Fries: Design ist immer auch mit Emotionen verbunden. Wenn man eine bestimmte Zeit mit den Entwürfen eines bestimmten Details beschäftigt ist, baut sich schon eine gewisse Bindung auf. Man muss lernen, manche Ideen auch loslassen zu können und ab und zu einen Schritt zurück zu treten. In einem Team von Designern gibt es immer viel Output und für gewöhnlich keinen Mangel an Alternativen. Wir entwickeln hunderte von Ideen, trotzdem kann es am Ende nur eine schaffen. Schön ist, wenn man am finalen Produkt noch Spuren der ersten eigenen Entwürfe findet. Trotzdem: Unterm Strich bleibt es immer eine Teamleistung.

Hendrik Fries steigt in einen smart ein
Zeit für Umwege und gedankliche Ausflüge: Hendrik Fries blickt als Designer über den Tellerrand.

Beobachten Sie Menschen dabei, wie sie unterwegs sind, wie sie sich bewegen?
Hendrik Fries: Im Design beschäftigen wir uns mit vielen sehr spezifischen Fragestellungen: Wo stellen wir unseren Einkauf im Auto ab? Wo ist Platz für die Dinge, die man mit sich herumträgt, wie Stifte, Mobiltelefone, Geldbörsen? Alltägliche Situationen spielen eine wesentliche Rolle. Das kompakte Format des smart lässt dabei auch Lösungsansätze zu: In welchem anderen Auto kann der Fahrer in den Kofferraum reichen? Für den Bereich Ergonomie gibt es eigene Spezialisten, die uns stets mit den neuesten Informationen füttern. Sind wir uns mal nicht sicher, wie weit wir ein Element vom Fahrer weg positionieren können, sind die Ergonomie-Experten die ersten, die wir anrufen.

Sicherlich befindet man sich als Designer auch im ständigen Konflikt zwischen den Ingenieuren und dem Controlling, Machbarkeit und Budget.
Hendrik Fries: Das sind ohne Frage unterschiedliche Denkschulen, aber wir verfolgen am Ende alle ein Ziel, wir wollen ein faszinierendes Auto auf der Straße sehen. Wir Designer begleiten den Entwicklungsprozess von der ersten Stunde bis hin zu den Serienteilen, und das gibt uns die Möglichkeit über einen langen Zeitraum hinweg unsere Kolleginnen und Kollegen von unseren Ideen und Lösungsansätzen zu überzeugen, und auch mal Kompromisse einzugehen. Von uns Designern ist hierbei definitiv Kreativität gefragt, denn wenn man alle Anforderungen unter einen Hut bekommen will, muss man sich mit allen Parteien gut abstimmen und zuhören, wobei wir zugleich unsere eigenen hohen Ansprüche an unser Design nicht aus dem Blick lassen dürfen. Aber wenn ich mir den smart anschaue, ist es uns sehr gut gelungen. Wir haben mit dem gesamten Team ein Ergebnis erzielt haben, dass allen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Designer Hendrik Fries bei der Arbeit
Kam über Umwege zu smart: Designer Hendrik Fries.


Sie haben freiberuflich unter anderem für die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen gearbeitet. Ist es von da ein weiter Weg zu smart?
Hendrik Fries: In Meißen habe ich Ausstellungsmöbel entworfen. Die Bereiche liegen schon weit auseinander. Aber da ich auch nie klassisches Automobildesign, sondern Industriedesign studiert habe, ist für mich seit jeher ein holistischer Ansatz wichtig und interessant. Es gibt viele fantastische Industrieprodukte, die nichts mit dem Auto zu tun haben, aber mit der Zeit doch wieder Einfluss auf die Entwicklung eines Autos nehmen können.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Hendrik Fries: User Interfaces, wie man sie von Tablets und Smartphones kennt, haben bereits Einzug gehalten. Touchbedienung, Menüs, Untermenüs, das wird es auch immer mehr im Auto geben. In Zukunft wird man weniger in Produktkategorien denken als vielmehr in Servicekategorien, Vernetzung und Digitalisierung. Das Interface muss die digitalen Services abbilden können. Webradio und andere Unterhaltungsdienste will man auch problemlos im Auto nutzen.