Geht die Essenz von Street-Art verloren, wenn man die Werke in ein Museum steckt? Die Kunst der Straße dürfe durchaus kuratiert werden, findet Yasha Young. Sie ist Initiatorin des neuen Urban Nation Museum for Contemporary Art in Berlin.

Xavier Prou ist ein Mann Ende 60, mittelgroß und mit fülligem Haar. Wer neben dem Franzosen steht, könnte ihn für einen emeritierten Philosophieprofessor auf Berlin-Besuch halten.

Echte Street-Art-Fans wissen es besser: Sie kennen Prou unter dem Pseudonym Blek le Rat, unter dem der 1951 geborene Pionier seit Anfang der 1980er Jahre mit Schablonen stilisierte Ratten auf Häuserwände sprüht. Seitdem gilt er als einer der Gründerväter der Stencil-Art, einer Urform der Street-Art.

Als solcher wiederum hat er auch jenen Künstler inspiriert, der etwa zwei Jahrzehnte später die Street-Art in den Mainstream katapultieren sollte: Banksy. Auch der große britische Unbekannte hat sich zunächst mit Ratten einen Namen gemacht, bevor er mit seiner brillanten Kombination aus Ästhetik, Humor und politischer Agenda zum Gesamtkunstwerk wurde.

Skulpturen und Bilder im neuen Street-Art-Museum in Berlin
Bunte Vielfalt: Das Museum zeigt einen Querschnitt durch die Street-Art-Landschaft.
Foto: Sabine Dobre

Werke von Banksy, Blek le Rat & Co.

Im Urban Nation Museum for Contemporary Art in Berlin sind beide mit jeweils einem Werk vertreten. Die Präsenz der beiden Schwergewichte in dem im Herbst 2017 eröffneten Haus soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Projekt nicht als akademische Sammlung von Street-Art-Ikonen versteht.

Das Gegenteil ist der Fall. „Meiner Meinung nach sind Museen nicht nur dafür da, um Werke von Künstlern zu zeigen, die es bereits geschafft haben oder tot sind“, erklärt Yasha Young, die Direktorin. „Die Arbeit eines Museums muss an dem Punkt ansetzen, an dem die Künstler sich auf den Weg machen, etwas zu verändern, eine Kunstrichtung sich verändert oder entsteht.“

Kunstwerke im Museum
Raum für Raum durch die Welt der Street Art.
Foto: Sabine Dobre

Unikate von internationalen Street-Artists

Die Street-Art-Szene ist vital wie nie. Das beweist das bunte Kaleidoskop an Bildern, Objekten und Materialien, das den Besucher erwartet. Die Werke sind allesamt Unikate, die von renommierten nationalen und internationalen Künstlern eigens für das Museum angefertigt wurden.

Das heißt aber auch: Es wurden keine Fassaden oder Plakate von der Straße abgetragen und im Haus wieder aufgebaut. Das originale Urbane mit seinen spezifischen Produktionsbedingungen (bei Nacht und Nebel mit Quast oder Sprühdose von Mauer zu Mauer schleichen), kann nicht einfach im Museum reproduziert werden.

Geändert hat sich im Urban Nation Museum deshalb nur das Medium, nicht aber die Message. Gemalt wird auf Leinwand statt auf Hauswand, doch in Ästhetik, Stil und Motiven sind sich die Künstler treu geblieben.

Yasha Young, Direktorin des Street-Art-Museums
Initiierte das Projekt: Yasha Young.
Foto: Nika Kramer

Außen wird das Haus selbst zum Kunstwerk

Für Yasha Young ist mit der Eröffnung im September 2017 ein Traum, der vor einigen Jahren begann, in Erfüllung gegangen. Seit 2013 arbeitet die Deutsch-Amerikanerin für die Stiftung Berliner Leben des kommunalen Wohnungsunternehmens Gewobag.

Öffentliche Kunstprojekte wie Project M und OneWall haben in dieser Zeit den Weg für die unkonventionelle Idee geebnet, die nun im Bezirk Schöneberg in einem vierstöckigen Haus aus der Gründerzeit untergebracht ist.

Das Architekturbüro Graft hat nicht nur innen die Gänge asphaltiert, sondern auch das Haus außen mit einer modularen Wechselfassade selbst zum Kunstwerk werden lassen. Sie soll Künstlern als Leinwand dienen und wird deshalb in regelmäßigen Abständen neu gestaltet. Anschließend können die Fassadenelemente als Exponate in die Sammlung des Museums aufgenommen werden. Der Eintritt ist übrigens frei.

das Berliner Street-Art-Museum von außen
Das Museum im Herzen von Berlin-Schöneberg.
Foto: Sabine Dobre

Urban Nation Museum will Kunstgeschichte mitschreiben

„Wir wollen Kunstgeschichte mitschreiben. Unsere Grundsätze sind: fördern, sammeln und archivieren. Denn Street-Art ist aus der Stadtplanung und aus der Gesellschaft längst nicht mehr wegzudenken“, betont Yasha Young. „Mich hat immer begeistert, dass diese Kunstform verschiedenste Menschen durch alle Schichten erreicht. Natürlich gibt es unterschiedliche Zugänge. Graffiti etwa bewahrt sich, auf der Straße zu passieren, nicht alle können es lesen und verstehen. Im Gegensatz dazu ist Street-Art meistens figurativer. Man soll und kann eher eine Meinung dazu formen.“

Diese sollen sich auch die Nachbarn im Schöneberger Kiez bilden können. Denn das Urban Nation Museum möchte nicht wie ein Ufo aus einer anderen Welt betrachtet werden. Deshalb haben Young und ihr Team von Anfang an Wert darauf gelegt, die Anwohner mit einzubeziehen: Der nahgelegene U-Bahnhof Nollendorfplatz wurde bunt gestaltet und die Fenster eines Seniorenheimes auf der gegenüberliegenden Straßenseite zieren jetzt Porträts in Tape-Art. Zwei Häuser weiter werden in einer Werkstatt Workshops abgehalten und Jugendarbeit betrieben.

Braucht Street-Art das?

Liegt es nicht aber in der Natur der Street-Art, in den Straßen zu passieren? Ist ihre Vergänglichkeit nicht Teil ihrer DNA? Und ist ihre Darstellung in einem Museum nicht so, als würde man einen Tiger in einen Käfig sperren?

„Es geht eher darum, dem Tiger ein Zuhause zu geben, wo er ab und zu mal was zu fressen kriegt, da es draußen vielleicht nichts gibt“, sagt Young. „Meine Aufgabe ist es, Beobachterin zu sein, alles aufzunehmen, darzustellen und zu erzählen.“

Street-Art-Bilder an den Wänden des Museums
Das Museum möchte Kunstgeschichte mitschreiben.
Foto: Sabine Dobre

Das Urban Nation Museum bleibt wandelbar

Bis auf ein einbetoniertes Exponat von Swoon und einem spektakulären aus der Wand gehauenen Porträt des Portugiesen Alexandre Farto alias Vhils ist vorgesehen, die Arbeiten regelmäßig auszutauschen. So wird auch der Banksy eines Tages von der Wand genommen werden. Und wer weiß – vielleicht kommt hinter der Leinwand ja ein weiterer Banksy zum Vorschein. Denn für hochkarätige Scherze dieser Art ist der Brite ja berüchtigt.

Yasha Young steht vor dem gerahmten Bild und lächelt. Sie wäre die Letzte, die das stören würde. „Wer weiß“, sagt sie. „Alles ist möglich.“

Urban Nation Museum for Contemporary Art, Bülowstraße 7, 10783 Berlin